Die Altersansprache bei Rehböcken

Wie man am besten das Alter des Bocks schätzen kann

Anfang April zieht es in Deutschland die ersten Waidmänner raus auf die Hochsitze mit dem vorrangigen Ziel, Rotröcke zu bestätigen. Je weiter der April voranschreitet, umso klarer steckt der Bock seine eigenen Reviergrenzen ab. Die perfekte Gelegenheit dieses einmalige Schauspiel der Revierkämpfe hautnah mitzuerleben. Diese Zeit eignet sich außerdem hervorragend dafür, das Alter des Bocks zu bestimmen. Dies wird mit zunehmenden Jahresverlauf nämlich immer schwieriger. Folgende Punkte bei der Altersansprache sind zu berücksichtigen:


Das Gehörn


Das Gehörn des Rehbocks bietet viele Möglichkeiten der Altersbestimmung, sollte aber keinesfalls als alleiniger Indikator herangezogen werden.
Verfegt oder noch im Bast?
Alt fegt vor jung. Ein Merksatz, den viele noch aus Ihrer Jagdausbildung kennen sollten. Der reife Bock verfegt sein Gehörn demnach deutlich früher, als seine jüngeren Artgenossen. Während Jährlinge noch Anfang Juni im Bast stecken können, hat manch braver Bock schon Mitte April vollständig gefegt. Die Farbe der Stangen spielt hierbei jedoch keine Rolle. Ob das Bockgehörn dunkel oder hell gefärbt ist, liegt allein an den Sträuchern und Bäumen, an denen der Bock seinen Bast verfegt. Die Pflanzensäfte, die durch die Verletzung der Rinde austreten, sorgen für die Färbung.
Die Rosenstöcke
Die Höhe und Stellung der Rosenstöcke können als recht aussagekräftiger Indikator für das Alter eines Rehbocks herangezogen werden. Hier gilt in der Regel: je tiefer die Rosen auf dem Haupt des Stücks sitzen, umso älter ist der Bock. Dies hängt damit zusammen, dass bei jedem Gehörnabwurf ein Teil des Rosenstocks mit abbricht.
Die Stellung der Rosen kann ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Sie wandern mit zunehmendem Alter nicht nur nach unten, sondern fallen auch seitlich ab. In diesem Fall spricht man von Dachrosen. Besonders die Kombination aus tief und seitlich sitzenden Rosen kann ein gutes Indiz für einen reifen Bock sein.

Die Decke


Gerade zum Beginn der Bockjagd (Anfang Mai) lässt sich das Rehwild gut am Verfärbungsgrad der Decke ansprechen. Rehwild färbt meist vom Träger an abwärts. Danach setzt der Haarwechsel sich häufig am Rücken fort. Blatt und Stich färben oft als letztes durch.
Mit Färben ist der Haarwechsel von Winter auf Sommerfell (oder umgekehrt) gemeint. Das gräuliche Winterfell weicht dem leuchtend roten Sommerkleid, dem der „Rotrock“ seinen Namen verdankt. Tritt also in der ersten Maiwoche ein Stück aus, das den kompletten Träger bereits rot durchgefärbt hat, so ist dies ein deutliches Anzeichen für ein jüngeres Stück.


Das Haupt


Sicherlich eines der schwersten Kriterien, um das Alter eines Bocks zu bestimmen. Das Bockkitz wird nach dem ersten Jahr zum sogenannten Jährling. Er behält hier sein kindliches Gesicht. Das Haupt bzw. der Schädel ist noch nicht ganz ausgewachsen. Im dritten oder vierten Lebensjahr wächst das Haupt nicht mehr merklich. Die Wachstumsfugen verhärten zunehmend. Die kindlichen Züge verschwinden jedoch deutlich. Ab dem siebten Lebensjahr scheint der Bock dann wieder kindlicher zu wirken.


Muffelfleck


Als Muffelfleck bezeichnet man den dunkel bis hellgräulich verfärbten Fleck oberhalb des Windfangs.
Der Muffelfleck nimmt bei vielen passionierten Rehwildjägern eine besondere Rolle ein. Ich halte es jedoch für unmöglich, das Alter eines unbekannten Stückes anhand seines Muffelflecks zu bestimmen. Sie gleichen fast einem Fingerabdruck und so weisen unterschiedliche Stücke andere Formen und Farbnuancen bei dem Muffelfleck auf. Ältere Böcke wirken jedoch oft vergraut. Jährlinge und Bockkitze weisen diese verschiedenen Graustufen am Haupt nicht auf.

 

Der Träger, der Stand und die Statur


Die Breite des Trägers ist ein recht verlässliches Glied in der Kette der Indikatoren zur Altersansprache bei Rehböcken. Natürlich können diese von Jahr zu Jahr variieren und sind stark gebietsabhängig. Die Äsung, der Standort aber auch die Gesundheit eines Stücks spielen dabei ebenfalls eine große Rolle. Hier zählt die Erfahrung des Jägers und die Kenntnis über die eigene Population. Ein breiter Träger in Verbindung mit einem breiten Stand scheinen mir recht verlässliche Anzeichen für einen älteren Bock. Jüngere Böcke haben die Läufe oft parallel zueinander ausgerichtet. Sie stolzieren auch mehr als ihre reiferen Kollegen. Ihr Gang wirkt staksiger. Reife Stücke weisen außerdem einen breiteren Brustkorb auf. Die Körpermasse scheint eher im vorderen Drittel des Stücks zu liegen. Sie wirken bulliger.

Das Verhalten – heimlich oder verspielt?


Ich habe in meinem ganzen Jägerleben noch nicht einen reifen Bock verspielt auf einer Wiese auf und ab springen sehen. Das passiert nur bei jüngeren Stücken. Mit zunehmendem Alter werden die Einstandsgebiete des Rehwildes eher kleiner. Sie streifen weniger umher. Das Ende der Blattzeit sei hiervon ausgenommen. Ältere Böcke werden vorsichtiger. Dies äußert sich vor allem am zögerlichen und meist sehr späten Austritt des Einstandes.

Resumeé

Bei der richtigen Altersansprache des Rehwildes geht es vor allem darum, so viele Puzzleteile wie möglich zu identifizieren und richtig zu deuten. Wer Mitte Mai also einen komplett verfegten Bock mit breitem Träger, tiefen Dachrosen und ergrautem Gesicht vor sich hat - der kann durchaus von einem älteren Stück ausgehen.
Tritt das Stück Anfang Mai jedoch eine Stunde vor Büchsenlichtende, komplett rot durchgefärbt und ohne erkennbaren Muffelfleck aus, so handelt es sich um ein jüngeres Stück.
Das Facettenreichtum der Altersansprache macht für viele den Reiz der Bockjagd aus. Das wichtigste für den Waidmann ist, dass er immer ein Stück Lehrprinz bleibt und sich bei jedem Stück die Zeit nimmt, die es braucht, um das Stück sicher anzusprechen.
Dieser Artikel wäre nicht vollständig, wenn ich an dieser Stelle nicht zumindest ein paar Worte zu geeigneten Bockjagdkalibern im Europäischen Raum verlieren würde. Es eignen sich besonders Kaliber im unteren Leistungsbereich, wie die .308 oder 7x57. Hierbei sollten eher weichere Geschosse verwendet werden. Ein Ausschuss ist bei moderaten Distanzen gewährleistet und die Fluchtstrecken sind gering. Energie wird zuverlässig und schnell im Wildkörper abgegeben. Rasante Kaliber wie die .223 .243 oder 300WM sorgen oft für enorme Hämatome und für böse Überraschungen beim aus der Decke Schlagen. Sie sind daher als eher ungeeignet zu bezeichnen.

 

Waidmannsheil

 

Steffen Foullon